Wie wird eine Schule gebaut?

Architekturwettbewerb "Senegal Elementary School" von Archstorming und der gemeinnützigen Organisation Let's Build My School
Autor: Lukas Waning veröffentlicht am 06.01.2021
Die Frage klingt auf den ersten Blick recht einfach: Ein Dach, tragende Außenmauern, der Trockenbau und die Innenwände, eine Dämmung, einige sanitäre Anlagen und natürlich mehrere Klassenzimmer. Aber wie wird eine Schule in unterprivilegierten Gebieten der Welt gebaut, in der nachhaltige und lokale Baustoffe unabdingbar sind? Wie können kostengünstige, aber dennoch innovative Bautechniken angewendet werden, die den Anforderungen eines langanhaltenden Schulgebäudes entsprechen? Das alles wurde in dem Wettbewerb "Senegal Elementary School" von Archstorming und der gemeinnützigen Organisation Let's Build My School hinterfragt. Unser CLAYTEC Kollege, Dipl.-Ing. Ulrich Röhlen, war in der Jury dabei.

Organisiert wurde der Wettbewerb von Archstorming. Dies ist eine Architekturplattform, die internationale, humanitäre Wettbewerbe betreut. Gemeinsam mit der gemeinnützigen Organisation Let's Build My School veranstaltete Archstorming den Wettbewerb "Senegal Elementary School". Let's Build My School ist eine Organisation aus Großbritannien, die Schulen in unterprivilegierten Gebieten auf der ganzen Welt mit nachhaltigen und lokal beschafften Materialien baut. Sie erforschen und implementieren innovative und kostengünstige Bautechniken, die an unterschiedliche Standorte angepasst werden können und wenig oder gar keine Baukenntnisse erfordern. Für den Wettbewerb "Senegal Elementary School" wurde der Entwurf für eine Schule in Marsassoum, eine kleine Stadt im Süden des Senegals, ausgeschrieben. Ein detailliertes Anforderungsprofil bildete die Grundlage des Wettbewerbs: 920m² Grundstücksfläche, sieben Klassenräume à 63m², eine Bibliothek, zwei Büros, drei Toiletten, ein Obstgarten, ein Schulhof zum Spielen und ein Speisesaal. Als zentraler Aspekt sollten Bautechniken verwendet werden, welche die Menschen vor Ort nachhaltig beeinflussen und als eine Art Lehrstunde umgesetzt werden können. So soll mit den Schulen von Let's Build My School ein Standard für weitere Bauvorhaben in den Kleinstädten festgelegt werden, wie zum Beispiel für den Bau von Wohnhäusern. Demnach galt für den Wettbewerb "Senegal Elementary School", lokale Materialien wie Lehm, Bambus, Sand und Holzbalken sowie vor Ort anerkannte Techniken zu berücksichtigen. Regionale Herausforderung wie die vier Monate andauernde Regenzeit, Höchsttemperaturen von über 37°C und der Erhalt der Bäume, die sich aktuell auf dem Grundstück befinden, mussten ebenfalls im Entwurf berücksichtigt werden. Der Gesamtpreis für den Bau inklusive aller Materialien durfte 80.000 € nicht übersteigen. Teilnehmen konnten Architekturstudenten/-innen und Architekten/Architektinnen in Teams bis zu vier Personen.

Platz 1: Santiago Osorio, Carlos Peña und Mauricio Suárez aus Cali, Kolumbien

Fachkundige Juroren aus aller Welt wählten am 22.12.2020 die Gewinner des Wettbewerbs aus. Neben Juroren aus Afrika, Norwegen, der USA und vielen weiteren Ländern war auch unser CLAYTEC Technik- und Vertriebsleiter, Dipl.-Ing. Ulrich Röhlen, mit dabei, die Entwürfe zu sichten und zu bewerten. Mit Bedacht beriet der Ausschuss der fachkundigen Juroren über geeignete Entwürfe und übergab seinen Vorschlag an Let’s Build My School und Archstorming, die unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten im Senegal den finalen Sieger prämierten. 

Einstimmig wählten alle Juroren den Sieger des Wettbewerbs "Senegal Elementary School": Santiago Osorio, Carlos Peña und Mauricio Suárez aus Cali, Kolumbien. Bei der Frage, was die Aufgabe der Architektur in Entwicklungsgebieten sei, stellt das Gewinnerteam aus Kolumbien die Gemeinschaft im Senegal in den Fokus:

„Wir haben ein Projekt entwickelt, dass die Gesellschaft mit einbezieht. Als ein wichtiges Zentrum für Kinder wird durch die neue Schule die Qualität der Gemeinschaft im gesamten Dorf erhöht. Der Schulhof und der gesamte Außenbereich sind so gestaltet, dass Besucher willkommen sind und die Schule durch die Bibliothek eine Wissensplattform nicht nur für die Schüler, sondern langfristig auch für die Gesellschaft darstellt. Der Obstgarten angrenzend zur Kantine ermöglicht die Bereitstellung notwendiger Vorräte.“

 

Platz 2: Prathyusha Viddam, Tina Gao und Amy Zhang aus New York

Der zweite Preis ging an Prathyusha Viddam, Tina Gao und Amy Zhang aus New York. Ihr Entwurf "L'Ecole du Fleuve“ orientiert sich an dem Fluss, an dessen Ufer das Dorf Marsassoum liegt, und ist gleichzeitig eine Hommage an die Tradition der Herstellung und Verwendung von Eimern und Körben im Senegal.

„So wie der Fluss für das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Region von zentraler Bedeutung ist, wird die Schule durch die Verwendung lokaler Materialien und erschwinglicher Bautechniken zu einem neuen Zentrum für Bildung, Kultur und wirtschaftlichen Möglichkeiten."

 

Platz 3: Nicole Niava und Aude Meissane Kouassi aus Abidjan, Côte d'Ivoire

Mit dem dritten Platz wurden Nicole Niava und Aude Meissane Kouassi aus Abidjan, Côte d'Ivoire, ausgezeichnet.
"Es ist wichtig, den Zugang zu Bildung in ländlichen Gebieten zu ermöglichen und gleichzeitig die Umweltauswirkungen des Bausektors im Senegal zu reduzieren. Mit diesem Projekt wollen wir nicht nur eine Schule bauen. Unser Ziel ist es, den Bauprozess in ein Trainingsprogramm für die senegalesische Jugend zu verwandeln und das Bewusstsein für das Potenzial traditioneller Baumaterialien und die architektonischen Methoden ihres kulturellen Erbes zu wecken. Unser Vorschlag hebt die Verwendung von Pflanzenfasern in Verbindung mit recycelten und kostengünstigen Materialien in einer kulturell geprägten, technologiearmen Architektur hervor."

 

Die beiden Ehrenpreise gingen an Francesco Casini, Federico Caserta und Fiamma Ficcadenti aus Italien sowie an Kushal Shah, Aasish Janardhan und Edwin James aus Indien.

 

Lediglich 50% der schulpflichtigen Kinder im Senegal haben Zugang zu Bildung. Es fehlen Schulen sowie Infrastruktur für einen Besuch der Schule. Die Klassenräume der wenigen vorhandenen Schulen sind mit bis zu 80 Schülern pro Raum häufig überfüllt. Auch wenn der Senegal eines der politisch und wirtschaftlich stabilsten Länder des afrikanischen Kontinents ist, steht das Land vor der Herausforderung, es den Kindern zu ermöglichen, dauerhaft zur Schule zu gehen. Wirtschaftliche Not führen zur Bildungskrise und dem Fernbleiben der Kinder in der Schule, die stattdessen gemeinsam mit ihren Familien arbeiten. Schulen, die mit lokalem Wissen gebaut sind, bestehen häufig aus provisorischem Material wie Bambuswänden und Zinkdächern. Die starke Regenzeit überstehen die Gebäude nicht sehr häufig, der Unterricht fällt aus oder Schüler können das Schuljahr nicht abschließen. Mit Hilfe des Wettbewerbs "Senegal Elementary School" möchte Let’s Build My School als eine Art Forschungsteam innovative, langfristige aber auch kostengünstige Bautechniken erforschen und vor Ort anwenden. Dank der Integration regionaler Bauarbeiter/-innen wächst die Neugier der Menschen vor Ort an den neuen Baumethoden. Let's Build My School erhofft sich so, dass die Gemeinde im jeweiligen Ort, an dem die Schule gebaut wird, langfristig von den neu erworbenen Fähigkeiten profitiert. CLAYTEC Technik- und Vertriebsleiter Dipl.-Ing. Ulrich Röhlen ist sich sicher, dass der Wettbewerb zukunftsweisend für das Dorf Marsassoum im Senegal ist: „Einer der wichtigsten Aspekte dieses Wettbewerbs ist es, die Menschen zu inspirieren, damit sie ihre eigenen Häuser mit der gleichen Technik bauen können, sobald der Bau der Schule abgeschlossen ist. Die eingereichten Entwürfe entsprechen alle dieser Anforderung und werden der Gemeinde Marsassoum helfen, langfristig innovative Bautechniken umzusetzen. Ich bin stolz, dass wir von CLAYTEC das Projekt begleiten durften und somit die Zukunft der Kinder und des gesamten Dorfes mitgestalten können!“

Weitere Informationen zum Wettbewerb "Senegal Elementary School" unter: https://www.archstorming.com/info-lbms.html

Lukas Waning
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