"Raum für Geburt und Sinne"

Im Frauenmuseum in Hittisau
Autor: Lukas Waning veröffentlicht am 19.01.2021
Ruhe, Wärme, Vertrauen – Eigenschaften, die bei der Geburt eines Kindes besonders wichtig sind. Wohlbefinden ist sowohl für die werdende Mutter als auch für ihr Neugeborenes und dessen Vater ein wichtiger Faktor, um wohlbehütet in ein gemeinsames Leben zu starten. Immaterielle und materielle Qualitäten wie Zeit, Licht, Wärme, Akustik und Oberflächenbeschaffenheit bestimmen den Geburtsverlauf wesentlich mit. Dafür eignen sich einige Baustoffe besonders gut: so auch der natürliche Baustoff Lehm.

Lehm schafft eine besondere Atmosphäre und bietet eine räumliche Reaktion auf grundlegende Bedürfnisse der Sinne. Lehm mit seinen materialspezifischen Eigenschaften wirkt sich regulierend auf das Nervensystem aus und schafft damit einen beruhigenden, schützenden Rahmen für den intimen Geburtsprozess.

Das alles war für Anka Dür (Architektin und derzeit Hebamme in Ausbildung) ein Anreiz, als Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums ein zeitgemäßes Geburtshaus mit Gebärräumen aus Lehm zu konzipieren.

Anlässlich der 20-Jahre-Jubiläumsausstellung „geburtskultur. vom gebären und geboren werden“ des Frauenmuseum Hittisau (Österreich), wurde daraus der „Raum für Geburt und Sinne“ entkoppelt – ein neuartiger Gebärraum und visionäres Kunstprojekt, das gemeinsam im Team mit Architektin Anna Heringer, Lehmkünstler Martin Rauch und Designerin Sabrina Summer auf der Wiese in der Nähe des Frauenmuseum entstanden ist.

© Laurenz Feinig

Geformt als eine Art Kapsel, die der Anatomie des weiblichen Körpers entspricht, regt der einzigartige Gebärraum die Sinne der Gebärenden an und unterstützt einen aktiven Geburtsvorgang. Mit dem Prototyp wird dem interessierten Publikum die Möglichkeit gegeben, selber zu erfahren, wie sich Umgebung und Atmosphäre auf die eigenen Sinne und das Körperempfinden auswirken. Der Raum ist als Experimentierraum gestaltet, die Besucher*innen können verschiedene Körperpositionen, auch Geburtspositionen, einnehmen oder einfach in Ruhe verweilen.

Lehm und Kalkglätte werden dabei als sinnvolle und geeignete Materialien für Geburtsräume, aber auch für Krankenhäuser, ganzheitliche Gesundheitszentren, Wellnesshotels oder öffentliche Räume wie Generationenhäuser und Gemeinschaftszentren u.ä. erprobt und direkt erfahrbar gemacht.

Gestaltungsteam: Martin Rauch, Anna Heringer, Sabrina Summer und Anka Dür Foto © Angela Lamprecht

Der „Raum für Geburt und Sinne“ ist im Auftrag des Frauenmuseum Hittisau in Kooperation mit der IG Geburtskultur a-z, Lehm Ton Erde Baukunst GmbH und Studio Anna Heringer entstanden. Eine beispiellose Crowdfunding-Aktion, bei der sich innerhalb kürzester Zeit über 500 Paten und Patinnen für die verwendeten Lehmziegel gefunden haben, hat die Umsetzung letztlich möglich gemacht und eindrücklich gezeigt, dass zahlreiche Menschen hinter dem visionären Projekt stehen.

Die Realisierung wurde zudem durch großzügiges Material- und Arbeitssponsoring regionaler Firmen, durch Beiträge des Landes Vorarlberg, der Gemeinde Hittisau, der Firma Alpla und der Stiftung Weitblick GmbH sowie – nicht zuletzt – mit Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer*innen möglich, deren Geburtsdaten sich an der Eingangstüre wiederfinden.

Der Bau startete im April 2020 mitten in der Corona-Zeit und im ersten, österreichweiten Lockdown und war nach knapp drei Monaten Bauzeit fertig gestellt.

© Laurenz Feinig


Lehm und Geburt

Lehm als natürlicher Baustoff schafft im Rahmen der Geburt ein ganzheitliches Bewusstsein und eine unterstützende, beruhigende Raumatmosphäre. Ziel ist es, den Fokus nach innen zu richten und störende Einflüsse zu vermeiden, um dem natürlichen, physiologischen Geburtsprozess und der Zusammenarbeit von Mutter und Kind Raum und Zeit zu geben. Dies wird einerseits durch eine behutsame, bekräftigende und zurückhaltende Begleitung durch Fachpersonen gewährleistet, andererseits wirken die materialspezifischen Eigenschaften von Lehm regulierend auf das Nervensystem.

Skizze Raum für Geburt und Sinne ©Studio Anna Heringer

Vor dem Eingang des Gebärraums in Hittisau findet sich ein gemeinsam mit Kräuterexpertin Katharina Waibel gestalteter mit Heilpflanzen umschlossener Sitzkreis samt Feuerschale, der zu verschiedenen Ritualen (Willkommens-, Dankes-, Geburts-, Jahreszeitenrituale, u.a.) einlädt. Im Inneren finden sich keine Möbel. Lediglich Einbuchtungen in den Wänden zum Abstützen formen den Gebärraum und geben das Gefühl von Tiefe. Ein hängendes Tuch, Griffe und mit Karabinern befestigte Bänder in der Wand laden zum Einnehmen von Geburtspositionen ein.

©Laurenz Feinig


Der gewölbte Raumkörper des „Raum für Geburt und Sinne“ wurde aus CLAYTEC-NF Leichtlehmziegel auf einer massiven Holzplattform in der Erden Werkhalle in Schlins als Ganzes aufgemauert. Als Rohbau wurden zwei geteilte Segmente nach Hittisau geliefert und auf vier Punktfundamenten abgesetzt. Vor Ort wurde die rotlasierend gefärbte Holzschindel-Bekleidung direkt in den Lehmziegel aufgenagelt. Durch diese Vorgehensweise wird sichergestellt, dass der Lehmkörper wettergeschützt, aber komplett dampfdiffusionsoffen konstruiert ist. Der Innenraum wurde mit Lehmputz und Kalkglätte fein ausgearbeitet.

Für CLAYTEC hat der Raum für Geburt und Sinne auch eine besondere Bedeutung. Zum einen zeigt er die Vielseitigkeit von Lehm hinsichtlich Materialität, Farbe und Oberflächen für eine kreative Gestaltung, die wiederrum unsere Wahrnehmung positiv beeinflusst. Zum anderen haben wir von CLAYTEC eine ganz persönliche Verbindung zu dem Thema „Geburt und Sinne“. Maximilian Breidenbach, Geschäftsführer der CLAYTEC Österreich GmbH, besuchte mit seiner Frau Esther Breidenbach den Gebärraum und Anka Dür vor Ort.

Anka Dür und Esther Breidenbach vor dem „Raum für Geburt und Sinne“ im Juli 2020

Esther Breidenbach ist selbst Hebamme und ist von Anka Dürs Gebärraum begeistert: „Der Besuch bei Anka und der intensive Austausch haben mich sehr inspiriert. Der Bekannte Gynäkologe Michel Odent verfasste sein Buch unter dem Titel „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“. Nach dem Besuch bei Anka würde ich seinen starken Buchtitel für mich um den Aspekt erweitern, dass es auch nicht egal ist, wo wir geboren werden. Die enge Verbindung zwischen Raum und Geburt werden in diesem Projekt besonders sichtbar. Ankas Betrachtungsweise als Architektin und angehende Hebamme, sind dort vereint und stellen sich als kraftvolle, massive und naturnahe Architektur dar. Die warmen, runden Lehmoberflächen im Inneren schaffen zudem ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen. Meiner Meinung nach sind alle nötigen Voraussetzungen an diesem Ort gegeben, um ein Kind sicher und natürlich zu gebären und den Frauen ein positives Geburtserlebnis zu ermöglichen. Ich wünsche, dass viele Frauen die Möglichkeit haben, einen solchen Ort für die Geburt Ihrer Kinder aufsuchen zu können.“

Der Raum für Geburt und Sinne ist über das Frauenmuseum Hittisau öffentlich zugänglich.

©Angela Lamprecht


Gestaltungsteam

Anka Dür – Architektin, Hebamme i. A. – Projektleitung (www.geburtskultur.com)
Anna Heringer – Architektin (www.anna-heringer.com)
Martin Rauch – Künstler, Lehmbauexperte – Bauleitung (www.erden.at)
Sabrina Summer – Designerin, Innenarchitektin

Kuratorinnen

Anka Dür – Architektin, Hebamme i. A., Gründungsmitglied IG Geburtskultur a-z
Stefania Pitscheider Soraperra – Direktorin Frauenmuseum Hittisau
Brigitta Soraperra – Theaterregisseurin, Kulturarbeiterin und Projektleitung IG Geburtskultur a-z

Weitere Informationen unter:

www.frauenmuseum.at
www.geburtskultur.com

Yannick van Kessel
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+49 (0) 2153 918-26

y.v.kessel@claytec.com