Minkes letzte Kuppel. Ein Denkmal für den Lehmbau

Autor: Miriam Driesch veröffentlicht am 05.01.2022
Harry Kramer (1925-1997), Initiator und Stifter der Künstler-Nekropole in Kassel, hätte sich gefreut. Dreißig Jahre nach der formalen Genehmigung zur Realisierung seines Pantheons im Regen, hier werden die Denkmale im Freien aufgestellt, konnte eines der bislang raumgreifendsten Kunstwerke und Grabstätten fertiggestellt werden. Am 4. November 2021 wurde die Arbeit des Künstlers und Lehmexperten Gernot Minke von der Kulturdezernentin der Stadt Kassel Susanne Völker feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Die kunsthistorische Einordnung übernahm der stellvertretende Direktor des Museums für Sepulkralkultur und Vorsitzende der Stiftung Gerold Eppler, eine kurz gefasste Geschichte der Künstler-Nekropole trug Michael Willhardt bei. Unter den vielen Gästen seien namentlich genannt Hans Eichel, ehemaliger Oberbürgermeister Kassels, Ministerpräsident und Minister, Menschen des Kollektivs ruangrupa, der künstlerischen Leitung der documenta fifteen, die 2022 eröffnet wird sowie Peter Breidenbach, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens CLAYTEC. Der Künstler Prof. Minke war anwesend und stellte seine Arbeit mit musikalischer Begleitung vor.

Die Idee zu einem Friedhof für seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Genre der Bildenden Kunst hatte Kramer schon 1980 in einem Brief formuliert: "Die Künstler haben keinen Einfluss auf Kulturpolitik, Museumsankäufe und Programme internationaler Ausstellungen. Genau besehen ist das auch gut so; sie würden sich sonst als Gladiatoren in der Arena selbst ausrotten. Der Wettstreit auf dem Friedhof der Eitelkeiten ist ein unblutiger. Melancholie, Einsamkeit und Repräsentanz dieses Berufs kann sich keinen geeigneteren Ort der Selbstrealisierung und Selbstinszenierung wünschen. Der Künstler kann nur beim eigenen Grabmal sich selbst Auftraggeber und Mäzen sein. Allein das ist Legitimation genug." Die Künstler-Nekropole liegt im Habichtswald am Stadtrand von Kassel. Rund um den Blauen See, einem stillgelegten Steinbruch. Hier errichten Kunstschaffende von documenta Rang zu Lebzeiten ihre eigenen Grabmäler und sie werden sich dort auch bestatten lassen. Harry Kramer sah in dem Projekt Nekropole eine neue Form für Kunst im öffentlichen Raum und keinen elitären Friedhof. Er selbst hat auf ein Grabmal in der Nekropole verzichtet und ist dort anonym bestattet worden. Kramer griff die kunstgeschichtliche Idee auf, Monumente im Park und Gräber im Wald anzulegen. Geplant sind insgesamt 40 Grabmale. Er verknüpfte die Kunst des 20. Jahrhunderts mit der Gartenarchitektur des naheliegenden Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe. Er schuf mit der Nekropole einen Bezug zum Nachbau des dort befindlichen Grabs des Vergil und der Herakles-Statue (des Herkules, dem Wahrzeichen von Kassel).

Minkes Kuppel

Es ist eine besondere Grabstätte, mit der sich der Architekt und Maler Gernot Minke in die Liste der bislang neun Monumente einreiht. Denn im deutschsprachigen Raum gedenkt man Verstorbenen traditionell mit Grabmälern und weniger mit Bauwerken. Grabbauten wie Gruftgebäude oder Mausoleen zählen zu den Raritäten in der deutschen Friedhofslandschaft. Prof. Gernot Minke hat eine begehbare Plastik und damit ein rein architektonisch gedachtes Kunstwerk geschaffen. Er wurde 1937 in Rostock geboren und studierte von 1957 bis 1964 in Hannover und Berlin Architektur.

Ein Denkmal für den Lehmbau

In seiner Zeit als Professor an der Universität Kassel gründete Minke das Forschungslabor für experimentelles Bauen und realisierte weltweit unzählige Projekte im Low-Cost-Housing und beim ökologisch nachhaltigen Bauen mit Lehm. Mit über 70 unterschiedlichen Gewölbe und Kuppelkonstruktionen avancierte er zu einem weit über Europa hinaus anerkannten Lehmbauexperten. Angesichts dieser Erfolge als Vertreter nachhaltigen Bauens wurde meist die Malerei übersehen als einen weiteren künstlerischen Schaffensbereich Gernot Minkes. Doch spätestens im Zusammenhang mit seinen Lehmbauten "Erde - Raum - Klang 1 und 2" zur documenta 14 präsentierte sich Gernot Minke 2017 einem internationalen Publikum mit seinen Meditationsbildern auch als Maler. Seine zukünftige Grabstätte ist eine konsequente Weiterentwicklung des Kuppelbaus, den Minke für die documenta 14 konzipiert hatte.

Die Atmosphäre des Baus und das Raumerlebnis werden nicht durch die Funktionalität geprägt, sondern entstehen und verändern sich mit den Menschen die ihn betreten, wie sie sich auf den Raum, seine Temperatur, seine Akustik und Textur einlassen, wie sie dieser Erfahrung Ausdruck verleihen oder wie sie den Raum bespielen. Der runde nur 1,50 m hohe, mit Bruchsteinen gefasste Eingang veranlasst die Besucher*innen, sich beim Betreten des Raumes zu verneigen. Beim Aufrichten ermöglicht eine große Öffnung im Scheitelpunkt der Kuppel den Blick in den Himmel. Der Boden aus Basalt, der sich zum Zentrum hin absenkt, verbindet die Anwesenden mit der Erde. Die abgerundeten handgeformten Lehmsteine tragen wesentlich zur besonderen Akustik des Raumes bei. In ihre Schichtung erinnern sie an Tholoi, kupfer- und bronzezeitliche Kuppelgräber mit ihren Kraggewölben aus Bruchsteinen, die im ganzen Mittelmeerraum verbreitet waren. Die Werkstoffe Lehm, Stroh und Stein unterstützen das architektonische Konzept, das in seiner archaischen Anmutung auf etwas Überzeitliches verweist und dadurch die Möglichkeit eröffnet, sich als Teil von etwas Größerem zu begreifen.

Es sind Materialien, die nicht nur für früheste Kulturerzeugnisse genutzt wurden, sondern auch in Schöpfungsmythen erscheinen. Als Werkstoffe sind sie durch Zerfall und Vergehen entstanden. Als Sedimente bildeten sie hier die Grundsubstanz, aus denen Neues geschaffen wurde und das, unter günstigen Umständen, lange Zeit überdauert, bevor es selbst irgendwann einmal verschwinden wird. Gernot Minke hat mit der Kuppel einen Ort der Kontemplation geschaffen, der mit seinen 24 Sitzen zum längeren Verweilen einlädt, sei es zum gemeinschaftlichen Meditieren, Singen, Musizieren oder um sich auszutauschen. Mit dem Kuppelbau ist ein geschützter Raum an einem öffentlich zugänglichen Ort entstanden, der als Grabstätte anregt, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen oder sich mit dem zu beschäftigen, was bereits verloren wurde oder irgendwann verlieren wird. Gernot Minke sieht dieses Monument ausdrücklich als eine Homage an den Lehmbau und es gibt viele Gründe, die darauf hindeuten, dass dies prophetisch sein wird. Dem Bauen mit Lehm steht angesichts der Notwendigkeit zur ökologischen und energetisch sinnvollen Wende eine große Zukunft bevor.

Technische Ausführung

Viele Hände und Unterstützende haben dazu beigetragen, diese großartige Arbeit zu realisieren. Hand angelegt an den Entwurf von Gernot Minke haben im wahrsten Sinne des Wortes Nico von Borstel und Till Maciejewski von der Firma Wändepunkt aus Zierenberg. Dazu hat der marktführende Lehmbaustoffhersteller CLAYTEC aus Viersen 40 Tonnen Lehmputz Mineral 20 gesponsert, aus dem 6500 Steine von Hand geformt wurden, aus denen dann die Kuppel errichtet wurde. Der Lehmputz CLAYTEC Mineral 20 wurde unter Zugabe von Hartkalkschotter (Edelsplitt) im Verhältnis 7:3 abgemagert, unter anderem um Schwindrissbildung zu vermeiden. Minkes Kuppel ruht auf einem Betonringanker und Fundament aus Gleisbauschotter mit einem Durchmesser von 5,90 m innen und 6,40 m außen. Das Fundament ist 90 cm tief 50 cm breit. Die Höhe der Kuppel über der Erde beträgt 5,20 m. Sockel und Eingang bestehen aus einem regionalen Basaltgestein. Äußerlich wurde die Kuppel mit CLAYTEC Lehmklebe- und Armierungsmörtel glatt geputzt. Die Abdichtung der Kuppel erfolgte mit Kemperol LF und wurde von der Firma KEMPEROL gesponsert. Diese einkomponenten Flächendichtung in Verbindung mit KEMPEROL Vlies hat sich schon bei anderen Minke-Kuppeln bewährt. Die älteste wurde vor dreißig Jahren errichtet. In die oberste Schicht wurde CLAYTEC Lehm-Unterputz mit Stroh trocken eingearbeitet. So entsteht trotz der langfristigen Wetterbeständigkeit der Lehmkuppel eine Lehmoberfläche mit grober Struktur, durch auswaschen loser Teile bedingt. Schon bald werden sich Moose und Flechten ansiedeln. So wird sich Minkes Kuppel harmonisch und natürlich in die Umgebung einfügen.

Miriam Driesch
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