Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2020: das Rebmannshaus

Wie ein ehemaliger „Schandfleck der Bodenseegemeinde“ zum Denkmalschutzpreisträger auserkoren wurde.
Autor: Ann-Kathrin Seeberger veröffentlicht am 26.08.2021
„Ein Schandfleck der Bodenseegemeinde“, so bezeichneten der Gemeinderat und die Gemeindebewohner das Rebmannshauses, welches Irmgard Möhrle-Schmäh und ihr Mann Sebastian Schmäh 2014 in Sipplingen erworben hatten.

Der Zustand des Kulturdenkmals war zum Kaufzeitpunkt miserabel – das Objekt stand 15 Jahre lang leer. Auch zuvor hatte es wenig bis keine Sanierungs- oder Modernisierungsarbeiten gegeben. Durch eingedrungenen Schnee und Regenwasser wegen schadhafter Dachdeckung war das Tragwerk so stark beschädigt, dass Deckenteile heruntergebrochen waren und das gesamte Haus als Einsturzgefährdetet eingestuft wurde. Die Geschichte des Rebmannshauses von 1662 in Sipplingen spitze sich zu: Vorangegangene, jahrelange Streitigkeiten und Gutachten über die Erhaltungsfähigkeit, gekoppelt mit einer Eintragung in die Liste verkäuflicher Kulturdenkmale und Zusagen für besondere Förderung aus verschiedenen Denkmalprogrammen und mehreren, von der Eigentümerin eingereichten, anschließend abgelehnten Abbruchanträgen sowie eine Prüfung der wirtschaftlichen Zumutbarkeit. Um das Haus vor einem kompletten Verfall zu schützen, veranlasste die Gemeinde Sipplingen sogar per Ersatzvornahme eine Notsicherung des Daches.

Die Liebe steckt im Detail

Irmgard Möhrle-Schmäh und ihr Mann Sebastian Schmäh erkannten dennoch die versteckte Schönheit des verfallenen Objektes. Auch wenn Irmgard Möhrle-Schmäh beim Vorschlag ihres Mannes, das heruntergekommene Haus zu erwerben, zu Beginn nur eins sagen konnte: „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“. Dennoch teilen beide die Liebe zu Kulturdenkmälern und Fachwerkobjekten, nicht zuletzt geprägt durch das eigene Unternehmen Holzbau Schmäh, und wagten den Schritt, dem Rebmannshauses wieder neuen Glanz zu verleihen. Sebastian Schmäh, Zimmermann, hatte bereits in den vergangenen Jahren seine handwerklichen Fähigkeiten sowie sein denkmalpflegerisches Interesse unter Beweist gestellt. Bei einigen, mit den Denkmalschutzpreis prämierten Gebäuden der letzten Jahre in der Bodenseeregion, arbeitete Sebastian Schmäh erfolgreich mit. So kam es schlussendlich, dass das „Rebmannshaus als Familienprojekt mit Rettungscharakter“ startete. Das eigene Unternehmen, Holzbau Schmäh, übernahm die Bauleitung und Gesamtsanierung des Rebmannshauses. Mit Erfolg: Holzbau Schmäh erhielt für die Sanierung ihres Rebmannshauses den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2020. Alle zwei Jahre werden mit diesem Preis Eigentümer geehrt, deren Häuser besonders vorbildlich und historisch behutsam restauriert wurden. Der Preis würdigt den Beitrag zur Weitertradierung vielfältiger Baukultur.

Die Bauhistorie

Sowohl 2008 als auch 2015 wurde die historisch komplexe Geschichte des zweigeschossigen Bauernhauses mit Satteldach mit Hilfe bauhistorische Forschungen mit einem verformungsgerechten Aufmaß nachempfunden. So konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass eine Achse des Hauses bereits 1660 im Zusammenhang mit dem noch existierenden angrenzenden Haus errichtet worden war. 1682 fand ein Anbau an den Teil von 1660 statt, der wiederrum im frühen 19. Jahrhundert, vermutlich während einer Erbteilung, in zwei Besitzhälften getrennt wurde. Im Inneren gingen von einem Mittelflur die Räume ab. Im Erdgeschoss zierte das Wohnhaus eine Werkstatt, im Obergeschoss eine Eckstube mit einer bemerkenswerten Holzvertäfelung. Auch wenn das Rebmannshaus über die Jahre umgebaut und verändert wurde – die Bausubtanz war größtenteils originalgetreu und Architektin sowie Handwerker fanden originale Oberflächen aus Holz sowie den ursprünglichen Putz und Reste alter Farbigkeit. 

Die Geschichte bewahren – mit erfahrenen Partnern

Den neuen Inhabern war eins besonders wichtig: die jahrhundertealte Nutzungsgeschichte im Inneren unter Modernisierung und Anpassung des Energiekonzeptes zu erhalten. Das bedeutete für Familie Möhrle-Schmäh auch, mit Partner einzubeziehen, die mit Denkmalsanierung und –Schutz vertraut sind. Neben einer anfänglichen Beteiligung des Architekten Bruno Siegelin aus Herdwangen wurde die Architektin Corinna Wagner aus Überlingen einbezogen, die bereits auf viel Denkmalerfahrung zurückblicken kann. Ebenfalls mit von der Partie: CLAYTEC Handwerkspartner Thomas Glück mit seinem Maler- und Stuckateurbetrieb „Lehmbau GLÜCK“. Für sein Mitwirken am Rebmannshaus sowie seine herausragende Leistung des Außenputzes und der Lehmbauarbeiten erhält Thomas Glück ebenfalls eine Anerkennung im Rahmen der Auszeichnung mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2020.

Eine moderne Sanierung muss nicht den Verlust des Charmes bedeuten

Die historische Stube des Rebmannshauses in Sipplingen wurde sorgfältig restauriert. Im Haupthaus, dem Rebmannshaus, befinden sich nun zwei Mietwohnungen, im Erdgeschoss 60 Quadratmeter, im Ober- und Dachgeschoss 120 Quadratmeter, die Familie Möhrle-Schmäh, bei Bedarf, wieder zu einer zusammenlegen kann. Die Konzeptionierung der gesamten Sanierung beinhaltete vor allem eine Entlastung von Technik zugunsten der historischen Bauweise, ohne auf diese Technik für Energieeffizienz verzichten zu müssen. So wurde beispielsweise die solarthermische Heizungsanlage in einem Nebengebäude im Garten untergebracht.

Während der Sanierung wurden unter anderem die neuen, modernen Sanitärbereiche unter der Schonung der Originalsubstanz gestaltet. Überall zeichnen restauratorisch gesicherte Oberflächen vom früheren Leben den besonderen Charme des Objektes. Dazu zählen unter anderem die Holzdecke in der blauen Stube, der Wandtäfer und der 200 Jahre alte Ofen. Alte Holzbodendielen wurden nach dem Ausbau kartiert und zur Sanierung wieder eingebaut.

Die Dämmung besteht aus einem innenliegenden Vollwärmeschutz an den Außenwänden und einer Aufdach- und Gefachdämmung im Dachgeschoss. Das Obergeschoss, beziehungsweise der große Dachraum, wurde nutzbar gemacht und dient nun ebenfalls als Wohnraum. Die teils abfallenden Böden wurden absichtlich nicht begradigt. Die Vision der Bauherren war zu jeder Zeit, altes zu bewahren und traditionelle, historische Materialien einzusetzen, um den Charme des Objektes zu unterstreichen. Der eingesetzte Stampflehmboden im Erdgeschoss, dem ehemaligen Kelterraum, passt perfekt zu dieser Idee.

Geschichten aus dem Rebmannshaus Sipplingen

Die historische Bepflanzung rund um das Haus konnte nach vielen bereichernden Gesprächen mit älteren Menschen aus Sipplingen aufgegriffen werden. Eine ältere Dame, die ihre Kindheit in dem Rebmannshauses verbrachte, erinnerte sich vor allem, wie sie Aprikosen aus dem Fenster im Erdgeschoss erntete. Für Familie Möhrle-Schmäh und ihre Vision, die originalgetreuen Sanierung, eine echte Bereicherung. Heute wächst an der gleichen Stelle wieder ein Aprikosenbaum.

Das Rebmannshaus Sipplingen ist ein perfektes Beispiel dafür, dass bei Liebe für Traditionelles, Zuversicht, Mut und entsprechendem Know-How selbst scheinbar unrettbare Häuser eine Chance verdienen. Irmgard Möhrle-Schmäh und Sebastian Schmäh freuen sich jeden Tag, diesem besonderen Objekt die Chance gegeben zu haben, auch in den nächsten Generationen die Geschichte des Rebmannshauses Sipplingen weiter zu erzählen. Die Auszeichnung mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2020 unterstreicht dieses Vorhaben sowie die geleistete Arbeit aller Beteiligten. Ebenfalls wurde das Rebmannshaus mit dem Effizienzpreis Bauen und Modernisieren 2020 ausgezeichnet.

Weitere Infos unter:

Rebmannshaus: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (baden-wuerttemberg.de)

Fotocredits Martin Maier Photography

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