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Lehmbau Pritzl - nachhaltiger Baukultur verpflichtet

Von der Denkmalpflege bis zu zeitgemäßem designorientiertem Lehmbau reicht das fachliche Spektrum der Arbeiten, die Karl-Heinz Pritzl mit seinem Unternehmen Lehmbau Pritzl ausführt. Wie viele Lehmbau-Spezialisten fand auch er über die Leidenschaft für historische Bauten zum Lehmbau. Pritzls Selbstverständnis als Handwerker geht über rein technische Aspekte hinaus. Ganzheitliche Beratung, die ausschließliche Nutzung nachhaltig produzierter Rohstoffe und bauhistorisch fundierte Ausführung sind wesentliche Merkmale seiner Arbeit.

Saulheim ist ein typisch rheinhessisches Dorf mit vielen Naturstein- und Fachwerk-Fassaden. Hier treffen wir Lehmbauer Karl-Heinz  „Charly“ Pritzl – wo sonst – auf einer seiner Baustellen, einem historischen klösterlichen  Gutshof. Im Ständerwerk der in Fachwerk-Bauweise errichteten Hofanlage findet sich eine bunte Mischung von Holzarten. Von Harthölzern bis Fichte und Tanne und sogar Pappel ist alles vertreten. Die Baustelle ist mit ihren vielfältigen Aufgaben exemplarisch für zeitgemäßen Lehmbau und spiegelt damit auch Karl-Heinz Pritzls breitgefächerte handwerkliche Kompetenz wider. Da gibt es zum einen den Ursprungsbau, ein spätmittelalterliches Wohnhaus aus dem 16. Jahrhundert, dessen Keller datiert sogar aus dem 12. Jahrhundert. Hier hat Pritzl die historischen Gefache repariert und ausgebessert und anschließend mit 1200er Lehmsteinen ausgemauert. Im neu erbauten Anbau findet sich die moderne Variante des Lehmbaus mit edlen YOSIMA Oberflächen. Als wir auf der Baustelle ankommen, ist Pritzl gerade bei der Pflege der im Außenbereich mit Gräfix Haar-Kalk-Grundputz versehenen Lehmgefache am Haupthaus. Diese müssen nach der Ausführung einige Tage lang feucht gehalten werden. So wird die Karbonatisierung gewährleistet und Rissbildungen vermieden.

Authentizität statt „geschminkter“ Häuser.


Das Wissen um derlei wichtige Details einer nachhaltigen Denkmalpflege und das Bewusstsein für Baukultur im Allgemeinen vermisst Charly Pritzl oft. Auch deshalb bezeichnet der engagierte Lehmbau-Spezialist  sich im Gespräch als „Kulturpessimist“. Er beklagt die mangelnde Wertschätzung des Handwerks durch die Gesellschaft. „Wenn mein Vater noch mit Recht behauptete ‚Handwerk hat goldenen Boden‘, so gilt das heute nicht mehr. Hohen Ansprüchen in Bezug auf bauhistorische, nachhaltige und Authentizität anstrebende Sanierung begegne ich nur selten. Selbst von vielen Architekten ernte ich verständnislose Blicke, wenn ich beispielsweise auf die mit dem Lehmbau verbunden längeren Trocknungszeiten hinweise. So ist es kein Wunder, dass viele alte Häuser heute wie ‚geschminkt‘ aussehen.“

Dabei beschränkt sich Pritzl keineswegs auf Fundamentalkritik, sondern er versucht – und das mit Erfolg -  im auf Schnelllebigkeit und Terminerfüllung fixierten Bau-Segment einen der Nachhaltigkeit verpflichteten Gegenentwurf durchzusetzen. „Neben der gewissenhaften und durchdachten handwerklichen Ausführung ist für mich eine umfassende Beratung ganzheitlicher Art wesentlicher Teil meiner Arbeit. Ich versuche immer, meinen Auftraggebern solche Baustoffe nahezulegen, die aus umweltverträglich gewonnenen, natürlichen Rohstoffen entstehen und unter vernünftigen sozialen Rahmenbedingungen produziert werden.“

Wie viele im Lehmbau-Fach ist auch Charly Pritzl ein „Quereinsteiger“, sogar ein relativ spät berufener: Ursprünglich als Schriftsetzer bei einem Mainzer Zeitungsverlag beschäftigt, erlebte er dort den radikalen Umbruch im Druckvorstufen-Handwerk. Sahen sich Schriftsetzer und Druckformhersteller einst dem Erbe Gutenbergs verpflichtet, schwand dieses mit Stolz gelebte Berufsethos nun zusehends angesichts des unaufhaltsamen Vormarsches der Digitaltechnik, der sich seit Mitte der 1980er-Jahre abzuzeichnen begann. Damals hatte Pritzl einen alten Vierkanthof in der Gegend zwischen Alzey und Bad Kreuznach erworben und begann, diesen Schritt für Schritt in Eigenleistung zu restaurieren.

Denkmäler und Neubauten

Im Dorf wunderte man sich über den Städter, der die Wiederherrichtung dieser „Ruine“ betrieb und dabei besonders auf den Erhalt historischer Details achtete. Ungeachtet des allgemeinen Kopfschüttelns über den vermeintlichen Sonderling  fanden sich auf der Baustelle regelmäßig die alten Männer des Dorfes ein und erzählten, wie „früher“ hier gebaut wurde. Auch wenn sie selber das Thema ausschließlich als historisch und somit als beendet betrachteten, konnte Pritzl aus den Berichten der Alten manche bautechnischen Erkenntnisse gewinnen.

Im Gegensatz zu den skeptischen Dorfbewohnern waren die Denkmalpfleger hellauf begeistert von Pritzls Arbeit, schließlich gab es für diese spezielle Form einer klassizistischen Hofanlage in ganz Rheinland-Pfalz  insgesamt nur noch fünf erhaltene Beispiele. Und jemanden, der seinen Kalk selbst einsumpft und seinen Lehm in der „Lahmekaut“ (hessisch für Lehmgrube)selbst abbaut hatten sie wohl auch noch nicht erlebt. Die immer tiefere Beschäftigung mit Lehmbau und Denkmalpflege führte den gelernten Drucktechniker auch auf sein erstes CLAYTEC-Seminar. Für seine Arbeitskollegen war er da schon lange fachkundiger Ansprechpartner zu allen Fragen rund um Restaurierung und nachhaltiges Bauen. Als es im Zuge des rasant fortschreitenden Wandels im Druckgewerbe schließlich zu massiven Umstrukturierungen der ganzen Branche kam, entschloss sich der Selfmade-Denkmalpflege-Spezialist zu einem radikalen beruflichen Neuanfang: Die ausgehandelte Abfindung investierte er in den Aufbau eines eigenen Lehmbau-Fachbetriebs, tatkräftig unterstützt von Ehefrau Friederike Bacmeister, die dem „Herzblut-Handwerker“ bis heute den ungeliebten „Papierkram“ vom Leibe hält. „Ohne sie ginge es gar nicht“, gesteht Pritzl.

Heute zählt Karl-Heinz Pritzl zu den gefragtesten Lehmbau-Spezialisten im Südwesten Deutschlands. Neben seinem ureigenen Metier, der Sanierung und Instandsetzung historischer Bausubstanz, begeistert er sich ganz besonders für die Möglichkeiten, Lehmbaustoffe im Neubau einzusetzen: „Mich fasziniert, dass beides möglich ist: Denkmalpflege, bei der die Wasserwaage allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt und Neubauten mit formaler Ästhetik, strengen Formen und exakten Oberflächen.“

Karl-Heinz „Charly“ Pritzl – Lehmbau-Institution im Südwesten
Pflege der frisch verputzten Lehmgefache an der Fassade des klösterlichen Gutshofs
Der Keller des Gutshofs datiert aus dem 12. Jahrhundert.
Fachwerk-Detail innen: ausgefacht und lehmverputzt
Arbeitsbeispiel Lehmbau Pritzl:
restaurierte Fachwerk-Fassade
Arbeitsbeispiel Lehmbau Pritzl: Lehm im Neubau - strenge Formen, exakte Oberflächen
Arbeitsbeispiel Lehmbau Pritzl: Lehm im Neubau - strenge Formen, exakte Oberflächen