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Ein Lehmbau-Überzeugungstäter: Theodor Becker, Fratax GmbH

Stuckateur, Wohndesigner und Bauberater Theodor Becker aus Stuttgart betreibt sein Geschäft mit großer Leidenschaft. Baugesundheit, Nachhaltigkeit und die Verwendung natürlicher Baumaterialien haben für den erfahrenen Handwerker oberste Priorität. Für seine Überzeugungen steht er mit hohem persönlichem Aufwand ein.

Am Bahnhof holt mich der Firmenchef persönlich ab. Kaum sitze ich auf dem Beifahrersitz des Kleintransporters mit dem Fratax-Firmenaufdruck, geht auch schon das Telefon. Ob er auch Balkone in Stand setze. Nein, kein Altbau, ein 08/15-Mehrfamilienhaus. Beton-Balkone, deren Versiegelung sich nach etlichen Jahren der Beanspruchung gerade in Wohlgefallen auflöst. Freundlich und geduldig werden die Details besprochen und ein Termin zur Besichtigung ausgemacht. Stuckateur Theodor Becker, dessen Herz für historische Bautechniken, natürliche Baumaterialien und Baugesundheit schlägt, wird auch diesen „Brotjob“, bei dem es wahrscheinlich um einige Meter Polyurethan-Versiegelung geht, mit der gleichen Gewissenhaftigkeit abwickeln wie andernorts ein anspruchsvolles Lehmbau-Projekt mit höchsten technischen und ästhetischen Ansprüchen.

 

Überzeugungsarbeit bei Bauherren und Architekten

 

Möglicherweise aber mit etwas weniger Leidenschaft. Denn die investiert der Stuckateur Theo Becker voll und ganz in sein Anliegen, möglichst viele Bauherren und Architekten von den Vorzügen nachhaltiger und gesunder Baumaterialien allgemein und der Verwendung von Lehmbaustoffen im Speziellen zu überzeugen. Im Bereich der Ernährung sei die Wichtigkeit von gesundheitlich unbedenklichen Stoffen mittlerweile im Bewusstsein der Verbraucher angelangt, beim Thema Wohngesundheit setze dieser Prozess aber erst allmählich ein, erläutert Becker, der ergänzend zu seiner langjährigen handwerklichen Erfahrung, eine Zusatzqualifikation zum Bauberater kdR vorweisen kann. Diesen Abschluss erlangen Handwerker, Architekten und Ingenieure im Rahmen eines Lehrgangs der Akademie für Nachhaltiges Bauen. Dort werden die erforderlichen Kenntnisse für die Abwicklung gesundheitsorientierter Neubauvorhaben oder die ökologisch einwandfreie Sanierung von Bauschäden vermittelt. Die Qualifikation muss in jährlichen Nachschulungen aufgefrischt werden.

 

Spiel mit der Gesundheit

 

„Es gibt 52 Millionen vom Menschen hergestellte künstliche Stoffe. Davon ist ein Großteil erst in den letzten 25 Jahren entstanden. Dazu kommen die exponentiell gestiegenen Belastungen durch Elektrosmog und Handy-Strahlung. Viele dieser künstlich erzeugten Substanzen und Strahlungsquellen führen nachweislich zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, bei anderen sind insbesondere die Langzeitwirkungen überhaupt noch nicht erforscht. Wenn man bedenkt, dass der Mensch 80 Prozent seines Lebens in geschlossenen Räumen verbringt, treiben wir im Wohnbereich ein gefährliches ‚Versuch und Irrtum‘-Spiel mit unserer Gesundheit“, beschreibt Becker mit Nachdruck und meint weiter: „Begibt man sich auf die Suche nach mit Sicherheit gesundheitlich unbedenklichen, weil naturbelassenen Baumaterialien bleiben unterm Strich ganze zwei Naturbaustoffe übrig: Lehm und Sumpfkalk, bei letzterem noch mit der Einschränkung, dass zu seiner Herstellung Wärmeenergie nötig ist.“

Seine Kenntnisse um diese baubiologischen Zusammenhänge machen Theo Beckers engagierten Einsatz für die Verwendung von Lehm als Baustoff zu einer Herzensangelegenheit und Gewissensentscheidung gleichermaßen. Umso größer ist seine Freude, wenn sich wieder einmal ein Architekt von seiner Begeisterung für den Lehmbau anstecken lässt, der bis dato ausschließlich in konventionellen Bauweisen geplant hat. „Oft sind es die Bauherren, die den Wunsch nach Lehmbau äußern, und manch ein Architekt kommt erst dadurch mit den wunderbaren Eigenschaften des Materials in Verbindung. Dieser Tage kam der Architekt in einen Neubau, den wir gerade komplett mit Lehm-Unterputz versehen hatten und meinte sofort nach Betreten des Hauses: ‚Herr Becker, das ist hier auf einmal viel angenehmer geworden!‘ - so etwas sind natürlich tolle Erlebnisse.“

 

Lehmbau-Schulung bei Claytec

 

Im Zuge seiner Selbständigkeit als Stuckateur interessierte sich Theo Becker frühzeitig für die bautechnischen Möglichkeiten von Kalk und Lehm. 2003 besuchte er eine Claytec-Lehmbau-Schulung und ist dem Unternehmen Claytec und seinen Produkten seitdem eng verbunden. In den Folgejahren nahmen der Lehmbau und die Verarbeitung von Claytec-Lehmputzen einen immer breiteren Raum im Firmen-Portfolio des Maler- und Stuckateurbetriebs Fratax ein. Im Jahr 2006 beschloss Theo Becker, nicht mehr alleine für seine Kunden die Vorzüge des Materials zu nutzen, sondern auch für sich selber eine neue Wohnumgebung zu gestalten, die ausschließlich mit den Mitteln des Lehmbaus und anderen natürlichen Baumaterialien umgesetzt werden sollte. Er erwarb ein altes Fachwerkhaus, Baujahr 1650, dass er von Grund auf und ausschließlich mit ökologisch unbedenklichen Baustoffen sanierte. Dies erwies sich als aufwändiger Prozess, da am Gebäude im Laufe vieler Jahre auch zahlreiche unsachgemäße Reparaturen vorgenommen worden waren, was teilweise erhebliche Schäden an der Bausubstanz zur Folge hatte. Diese traten, wer schon einmal einen Altbau saniert hat kennt den Effekt, oft erst nach und nach zu Tage.
Dabei zeigten sich, wenn auch im negativen Beispiel, einmal mehr die einzigartigen bauphysikalischen Eigenschaften von Lehm. Dessen klimatisierende Eigenschaft lässt dem Holz gewissermaßen die Luft, die es zum Atmen braucht. „Überall wo kein Lehm mehr war, hatte das Holz gelitten“, beschreibt Becker. Im fertig restaurierten Wohnzimmer entfalten die knorrigen Eichenbalken des Holzständerwerks ihre ganze archaische Kraft. Diese urig-rustikale Wucht wird an anderer Stelle mit Design- und Hightech-Details konterkariert. Wie bei vielen anspruchsvollen Lehmbau-Objekten ist es dieser Kontrast zwischen historischen Details und zeitgemäßen Gestaltungselementen, der einen ganz besonderen Reiz entfacht. Während der Restaurierungsphase diente der historische Fachwerkbau als  Lehmbau-„Testbaustelle“, an der Theo Becker verschiedene Techniken und Materialien erprobte. Die Fertigstellung der Restaurierung an den Wochenenden und nach Feierabend, zusätzlich zum laufenden Tagesgeschäft, hat dem Stuckateur viel persönliche Energie abverlangt.

Zusätzlich war Becker mehrere Jahre im Vorstand der Stuttgarter Stuckateur-Innung tätig und betätigt sich aktuell im Betriebswirtschaftlichen Ausschuss des Baden-Württembergischen Landesverbandes der Stuckateure. „Als ‚Überzeugungstäter‘ in Sachen Baugesundheit muss man halt mehr Aufwand betreiben, als jemand der mit dem Strom schwimmt und ausschließlich konventionelles Handwerk anbietet“, so Becker, auch der Beratungsaufwand beim Kunden sei größer als bei Baumaterialien ‚von der Stange‘. Sein Fazit: „Du lebst es oder du lässt es“.  Sein historisches Fachwerkhaus stellt heute ein gelungenes Referenzobjekt dar, und dazu ist es ein echtes „Familienhaus“ geworden: Neben Becker selber leben dort mittlerweile auch dessen Bruder mit Familie sowie die Mutter des Handwerkers. Alle unter einem Dach, fast wie vor 300 Jahren.

Engagiert für Baugesundheit: Theo Becker
Rollendes Büro: Auftragsannahme im Firmenwagen
Für die Gesundheit: natürliche Baumaterialien
Ein weiteres Fratax-Referenzobjekt
Reizvoller Kontrast. Lehmputz, Holz, Tadelakt, Steingut und Edelstahl
Detail im Fachwerkhaus von 1650