Natürlich Lowtech

Einfach aus Lehm sollte das neue Haus auf dem Land von Ines Rutschke und Matthias Müller sein. Heraus kam ein Gebäude ganz ohne technische Spielereien, dafür aber mit viel gesundem Lehmkomfort.

 

Die Sonne vor Augen

 

Das Haus in Reichenow ist exakt nach Süden ausgerichtet und nutzt die Sonne so optimal passiv in den Wohnräumen wie auch aktiv mit Warmwasserkollektoren. Die Fenster mit Dreifachverglasung sollen möglichst geringe Wärmeverluste gewährleisten, ebenso wie die hochwirksame Wanddämmung. In Sachen Dammmaterialien setzten die Architekten auf Zellulose ein wirksames und dabei umweltschonendes Material. Es ist die passende Ergänzung zum Konstruktionsmaterial Holz und zu den Lehmelementen im Wandaufbau. All diese Maßnahmen gewährleisten ein zu jeder Jahreszeit angenehmes Wohnklima im Innenraum. Künstliche Materialien, ohnehin von Beginn der Planungsphase an ein Tabu, waren daher bei diesem mustergültigen Lehmhaus überflüssig.

 

Nahe an der Natur

 

Holz und Lehm für ein neues Zuhause – mit dieser Idee hielten Matthias Müller und Ines Rutschke Ausschau nach dem richtigen Architekten. In Eike Roswag vom Berliner Büro Büro Ziegert | Roswag | Seiler wurden sie fündig. Roswag ist nicht nur Architekt, sondern auch Tischler und ganz nahe an Naturbaustoffen wie Holz. Das wohngesunde Bauen ohne Schadstoffe steht bei den Berliner Architekten also ganz oben im Lastenheft. Und weil sich Lehm dafür besonders gut eignet, waren Roswag und seine Partner für die Bauherren in Reichenow erste Wahl. Zu Recht, wie Matthias Müller betont: "Wir haben vom großen Interesse der Architekten an dem Projekt profitiert. Denn die konsequente Umsetzung der ökologischen Richtlinien in einem Einfamilienhaus war auch für die Architekten kein Tagesgeschäft." Dass dieses Haus auch für Eike Roswag etwas ganz Besonderes ist, gibt der Architekt gerne zu. Schließlich feierte sein Büro damit quasi eine Premiere. "Das Haus ist ein Pilotprojekt als Niedrigenergiehaus ohne Lüftungsanlage", beschreibt Roswag eines der Highlights des Konzepts. Ein Niedrigenergiehaus ohne Lüftungsanlage? Eine echte Seltenheit, denn die Luftqualität ist ein sensibler Punkt, gerade in hochdichten Effizienzhäusern. Zumindest in gewöhnlichen Effizienzhäusern.
Das Haus in Reichenow ist da anders. Seine Entscheidung für das natürliche Baumaterial hat Matthias Müller nicht bereut: "Der Lehm nimmt Gerüche und Feuchtigkeit auf und gibt gespeicherte Feuchtigkeit bei Bedarf ab - ein spürbar angenehmes Wohnklima." Doch das Raumklima fühlt sich nicht nur gut an, es ist auch gesund. "Das Phänomen der Schimmel- und Feuchtigkeitsprobleme im Niedrigenergiehaus ist ausgeschlossen. Schadstofffreies Bauen mit Lehm und Naturbaustoffen verringert den Lüftungsbedarf, der im konventionellen Gebäude auch von der Schadstoffbelastung der Raumluft bestimmt wird", sagt Architekt Roswag.

 

Einfach gute Luft

 

Richtiges Lüften, ein kritisches und für Bewohner oft einfach lästiges Thema, ist also kein Problem, genauso wenig, wie eine angenehme Raumtemperatur. Innenwände aus Lehm, Lehmputze und Zellulosedämmung ergeben einen sehr hohen Wärmeschutz im Sommer", erklärt der stolze Architekt und unterstreicht noch einmal den Unterschied zu einem gewöhnlichen Niedrigenergiehaus. In dem gebe es an heißen Sommertagen viel Kühlbedarf. Gerade in der Zellulosedämmung sieht Eike Roswag einen wichtigen Faktor für das angenehme Klima im Haus mit seiner hoch gedämmten Hülle: "Auf eine in diesem Haustyp übliche Lüftungsanlage kann dadurch verzichtet werden." Weil die aufwendige Lüftungstechnik schlicht überflüssig wird, nennt Roswag seinen Entwurf ein Lowtech-Gebäude - es dominieren die einfachen, natürlichen Lösungen, die aber allen Anforderungen an ein modernes Haus gerecht werden: gesund, langlebig und energieeffizient.

 

Holz und Lehm

 

Beim Thema Holz spricht aus Eike Roswag ein Stück weit der Tischler: "Der Holzbau garantiert einen verlässlichen Raumabschluss und damit das notwendige Dach über dem Kopf, unter dem der Ausbau mit Lehm erfolgen kann." Als die wetterfeste Hülle stand, folgten aber zunächst einmal die Dämmung mit Zellulose und der obligatorische Blowerdoor-Test. "Wie für alle Niedrigenergiehäuser ist der Blowerdoor Test auch für ein Naturbauhaus ein zentraler Qualitätstest, der ein schadensfreies und wirtschaftliches Gebäude sicherstellt", betont Roswag die Bedeutung dieses Checks. Nach erfolgreicher Prüfung ging es dann endlich an die Lehmbauarbeiten und den weiteren Innenausbau. Die Innenwände wurden mit Lehmsteinen ausgefacht und mit einem Lehmputz versehen. Die Vorteile: Die Gebäudehülle ist relativ leicht und das Lehmmaterial reicht aus, um das Raumklima wirksam zu regulieren. Auch wenn der Baustoff Lehm im Innenraum für ein angenehmes Leben ohne überflüssigen technischen Schnickschnack sorgt: Ganz ohne sinnvolles Hightech geht es auch hier nicht. Aber das dürften Matthias Müller und Ines Rutschke im Fall der umweltschonenden Solarkollektoren leicht verkraften.
Die Anlage sammelt jede Menge Sonnenenergie für das Warmwasser und ist wie der Stückgutkamin im Wohnraum mit einem zentralen Pufferspeicher verbunden.

 

Grüner Energiemix

 

Für alle Fälle ist in die Systemkombination noch ein Gasbrenner integriert. Der wird aber bei einem Jahres-Primärenergiebedarf von 25,62 kWh/m2 nur selten einspringen. Fußbodenheizung und einzelne Wandheizungsflächen bringen die so erzeugte Wärme auf angenehme Weise in jedes Zimmer.
Raumklima und Temperatur sind also immer optimal in diesem Haus, das auf Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit setzt. Letzteres gilt nicht nur weitestgehend für die Wärmeversorgung, sondern auch für die Entsorgung ungeliebter Abfälle: Eine eigene Kleinkläranlage reinigt nämlich das Abwasser, das anschließend im Grundstück versickert. Und während dieser saubere Prozess im Verborgenen abläuft, können Matthias Müller und seine Familie die Natur auf ihrem Grundstück genießen. "Die großzügige Terrasse verbindet Innen- und Außenbereich und bildet den Übergang zur weiten Landschaft", findet Architekt Roswag. Großzügig fallen auch die Fensterflächen entlang der Terrasse in Süd, Ost und West aus. Alle Räume im Erdgeschoss sind dadurch mit der Außenwelt verbunden. Ob Wohn- und Essbereich, Kinderzimmer oder Büro - überall ist die Natur dank der üppigen Verglasung ganz nah. Und über die hellen Räume freut sich Matthias Müller besonders: "Das Haus hat ein wunderbares Licht durch große Fenster und Lichtschneisen. "Im Obergeschoss finden Bad, Fitnessraum und gleich zwei Schlafzimmer Platz. Möglich macht das die Gaube, die sich fast über die gesamte Pultdachfläche erstreckt.

 

Das perfekte Zuhause

 

Ob im Obergeschoss, im unteren Wohnbereich oder auf der Terrasse - Matthias Müller fühlt sich im natürlichen Zuhause rundum wohl. "Das Wissen um die durch und durch ökologische Bauweise macht das Leben in unserem Haus zu etwas Außergewöhnlichem", freut sich der Bauherr über ein Haus, das perfekt zu ihm und seiner Familie passt: "Unser Lebensstil findet hier seine konsequente Umsetzung." Wie das im Wohnalltag aussieht, erklärt Müller gerne. "Das Holz für den Ofen beziehen wir ausschließlich aus den umliegenden Wäldern. Und wir kaufen jetzt insgesamt weniger und vor allem bewusster ein." Auch Hauskater Dr. Heinz ist in diesem Zuhause ganz in seinem Element. "Er ist im Übrigen approbierter Experte im Füchse verscheuchen", schmunzelt Matthias Müller. Der Traum vom grünen Leben ist für ihn und seine Familie wahr geworden und das neue Haus rundum gelungen - auch wenn der berühmte Nagel beim Richtfest nicht auf Anhieb im Bauholz verschwinden wollte. Der Hausherr erinnert sich und lacht: "Das hat gehörig an meiner Ehre gekratzt."

Copyright: greenhome/BT Verlag


 

 

 

 

 

 

 

 

Die Sonne vor Augen:
Das Haus ist exakt nach Süden ausgerichtet

 

 

 

Leben und arbeiten: Blick in die Küche

 

 

 

Gut Holz: Den Brennstoff sammelt
die Familie in den umliegenden Wäldern

 

 

 

Viel Licht: Esstisch in der Küche

 

 

 

Feine Struktur: Lehm-Designputz

 

 

 

Reguliert die Luftfeuchtigkeit: Lehmputz im Bad

 

 

 

Wirkt vor der Lehmwand doppelt schön: Blumenstrauß

 

 

Fotos: Tom Baerwald


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